FAQ

Was ist die Grundidee der Demokratiedialoge?

Deutschlandweit steigen die Anteile der AfD und auch Parteiverdrossenheit und Nichtwählen sind keine Seltenheit – mit verheerenden Auswirkungen für unsere Demokratie. Es gilt, den Einfluss der AfD zu begrenzen. Doch allein durch das Festhalten am Status Quo und ‘Hauptsache-nicht-AfD-Strategien’ wird das nicht klappen. Rechtspopulistische Bewegungen konnten auch deshalb so stark werden, weil sie legitime Frustrationen instrumentalisieren, z.B. über schlechte Infrastruktur, Lobbyismus und Korruption oder Ungleichheit. Deren Wurzeln liegen häufig in neoliberaler Politik.

Genau über diese Ungerechtigkeiten und über tatsächlich sinnvolle Lösungen möchten wir mit Menschen ins Gespräch kommen – während kurzweiliger Begegnungen an der Haustür, auf dem Markt, in Bus und Bahn. Ziel ist es, dass echte Gespräche entstehen – neugierig, empathisch, auf Augenhöhe. 

Die nachweislich effektive Methode der aufsuchenden Gespräche kombinieren wir dabei mit den Ansätzen Deep Canvassing und radikaler Höflichkeit.

Deep Canvassing: Deep Canvassing ist eine Gesprächsmethode, bei der es darum geht, Menschen wirklich zuzuhören, sie zu verstehen und durch Empathie und das persönliche Gespräch tief verwurzelte Vorurteile und Überzeugungen zu ändern. Es umfasst aktives Zuhören, wertfreie Nachfragen und persönliche Narrative, um Brücken zu bauen.

Radikale Höflichkeit: “Radikale Höflichkeit ist eine Form der Klarheit, die weder verletzen noch spalten will, sondern auf Veränderung zielt. Es geht nicht darum, „nett“ zu sein. Es geht darum, wirksam zu sein”[1]. Mehr Informationen zu radikaler Höflichkeit findet ihr bei radikalehoeflichkeit.de.

Wo, wann und wie kann ein solches Gespräch, ein Demokratiedialog aussehen?

Dazu haben wir einen kurzen Leitfaden erstellt, den du hier findest.

Wie kann ich mich einbringen?

Im Sprint vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt braucht es gerade natürlich v.a. Menschen, die vor Ort Gespräche führen. Falls du also in Sachsen-Anhalt lebst oder dir vorstellen kannst, dorthin zu fahren – super! In der Regionalgruppe erfährst du mehr und kannst dich vernetzen. Unsere (Online-)Workshops und unsere Materialien können dich in der Vorbereitung unterstützen.

Aber auch remote kannst du dich einbringen. In verschiedenen Arbeitsgruppen kannst du z.B. Öffentlichkeitsarbeit machen, Inhalte erarbeiten und Hintergrundinformationen sammeln oder bei der Vernetzung helfen.

Last but not least: Erzähle gerne Freund:innen und Bekannten von uns, sodass wir gemeinsam möglichst viele Demokratiedialoge führen können.

Wer kann mitmachen?

Alle, denen eine demokratische und solidarische Gesellschaft am Herzen liegt. Dabei brauchst du keinerlei Vorerfahrung. Sowohl für das Führen der Gespräche als auch für die Mitarbeit in Arbeitsgruppen unterstützen wir so gut wir können. Und: niemand von uns ist Profi. Du brauchst also nicht jeden Fakt zur Wahl auswendig wissen oder eine Doktorarbeit zu gerechten Politikinstrumenten geschrieben haben. Viel wichtiger ist Empathie und die Bereitschaft, loszugehen!

Warum wählen Menschen nicht oder nur gelegentlich?

Studien[2] belegen, dass Nicht-Wählen von drei Hauptfaktoren geprägt ist. Erstens, fehlende Ressourcen: Dazu gehören z.B. Bildung, Einkommen und soziales Kapital. Insbesondere arme/armutsgefährdete Menschen wählen seltener – Arbeitslosigkeit und niedriges Einkommen sind dabei die stärksten Faktoren. Zweitens, fehlende Motivation: Politikverdrossenheit sowie geringe wahrgenommene Selbstwirksamkeit und mangelnder Glaube an die eigene Stimme senken die Wahlbeteiligung. Der Dritte Faktor sind Netzwerke (z.B. Kolleg*innen, Freund*innen und Familie): Eine politisierte Umgebung mobilisiert zur Wahl, soziale Segregation verstärkt Nicht-Wahl.
 Die Gelegenheitswahl dagegen ist abhängig vom politischen Momentum, also der wahrgenommenen Relevanz der Wahl und der persönlichen Situation (“Die Vergesslichen, die Krisengestressten, die Berechnenden”).[3]

Warum wählen Menschen AfD?

Das ist ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren[4]. Eine wichtige Rolle spielen sozioökonomische Bedingungen, insbesondere in strukturschwachen Regionen. Fehlende Infrastruktur, wirtschaftlicher Abstieg und unsichere Beschäftigung können das Gefühl herbeiführen, gesellschaftlich abgehängt zu sein. In ländlichen Regionen kommt außerdem Abwanderung hinzu, wodurch einige Gegenden älter und männlicher werden und sich teils illiberalere Einstellungen verfestigen können. Daneben können rechte Ideologien wie Nativismus, Rassismus und Antifeminismus die Wahlentscheidung beeinflussen. Drittens können Politikverdrossenheit und Enttäuschung über die etablierten Parteien dazu führen, dass populistische Anti-Establishment-Narrative Wähler*innen überzeugen.

Für Ostdeutschland kommen weitere Aspekte hinzu: Die Massenarbeitslosigkeit während und nach der Wende hat teils zu einer besonderen Statusangst geführt und auch die negativen Transformationserfahrungen durch politische Marginalisierung und Unterrepräsentation können die Unterstützung für die AfD begünstigen.

Die Wurzel vieler Probleme: Neoliberale Politik

In Summe: Es gibt einen enormen Vertrauensverlust und berechtigte Frustration durch u.a.:

  • Verfall der Infrastruktur durch Sparpolitik der letzten Jahrzehnte;
  • Abbau/Vernachlässigung der Daseinsvorsorge (z.B. Bildung, Gesundheit, ÖPNV);
  • Lobbyismus, Korruption, Interessenskonflikte (Skandale bleiben oft ohne Konsequenzen (z.B. Maskenaffaire));
  • Ungleichheitsfördernde Politik, v.a. der Rechts-Mitte-Parteien (Verschärfung seit 2020: mehr Entlastung oben, mehr Belastung unten)

Und: All dies wird bei vielen Demokratieförderprojekten und politischen Maßnahmen außenvorgelassen.

Gerechtere Alternativen, die die Landesebene in der Hand hat, könnten so lauten:

  • Sozialwirtschaft, Freie Wohlfahrtspflege (Paritätische, Caritas, …) klimaresilient stärken (betrifft u.a. Seniorenheime, Krankenhäuser, Kitas und Armutsbetroffene)
  • Finanzielle Beteiligung an erneuerbarer Energie ermöglichen
    • Gründung von Energiegenossenschaften fördern
    • Kommunen an Windkraft & PV gesetzlich finanziell beteiligen
  • Umstellung auf krisensichere Landwirtschaft: Agri-PV, Öko-Landbau, …
  • ÖPNV ausbauen und kostenlos/-gering anbieten
  • Attraktiver Arbeitsstandort für Fachkräfte werden: Start-Up-Kultur fördern, Beschleunigung von Anerkennungsverfahren, Ausbau Kita-Plätze, Quereinstiege erleichtern
  • Landärzte-Stipendienprogramm ausweiten
  • Politik und Menschen näher zusammenbringen: mobile Bürgerbüros, Nachbarschaftszentren fördern, LEADER-Programm weiter ausbauen
  • Bürgerhaushalt auf Landesebene einführen, um Ohnmacht entgegenzuwirken und Mitbestimmung finanziell untermauern
  • Tourismusregionen stärken und Willkommenskultur anpassen

Kann gerechte Politik funktionieren?

Ein Beispiel dafür ist die Politik von Zohran Mamdani, Bürgermeister von New York. Innerhalb eines halben Jahres initiierte er u.a. kostenfreie Kitaplätze, stadteigene Lebensmittelläden, die Beseitigung von Schlaglöchern und eine Luxussteuer für Zweitwohnungen.

 

[1] Tadel verpflichtet! e.V. Im Interview mit dem 17 Ziele Blog (Radikal höflich gegen Rechtspopulismus diskutieren - Ziele für Nachhaltige Entwicklung - Agenda 2030 der UN)

[2] z.B. Schäfer, A. (2023): Wer fehlt an der Wahlurne? Sozialräumliche Muster der Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. https://www.fes.de/themen/soziales/studie-wer-fehlt-an-der-wahlurne 

[3] Hagemeyer, L.; Faltas, C.; Faus, J. (2023): Gelegenheitswähler*innen auf der Spur : Motive der Nichtwahl und Wege zur Stärkung der Wahlbeteiligung. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung. https://collections.fes.de/publikationen/ident/fes/20465 

[4] Franz, C.; Garamow, A.; Kritikos, A.; Kriwoluzky, A.; Fratzscher, M. (2024): Wirtschaft, Demografie und strukturelle Missstände: Die Faktoren hinter dem Erfolg der AfD bei der Europawahl 2024. DIW Wochenbericht, 91(30), 479–488. Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). https://doi.org/10.18723/diw_wb:2024-30-1

Manow, P.; Schwander, H. (2022): Eine differenzierte Erklärung für den Erfolg der AfD in West- und Ostdeutschland. In: H.U. Brinkmann; K.H. Reuband (Hrsg.): Rechtspopulismus in Deutschland, S. 163–191. Wiesbaden: Springer VS.

Weisskircher, M. (2020): The strength of far-right AfD in eastern Germany: The east-west divide and the multiple causes behind ‘populism’. The Political Quarterly, 91(3), 614–622.